Dark Side of the World

Das Magazin für alle Themen jenseits des stressigen Alltags

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Dieser Blog ist unsichtbar!

 

 

Vielen Dank an Murdered, XfrogX und auch an ingoeins für den Support bei meinem ersten Kurzgeschichtenversuch hier auf CW. Ein zweites, und vorerst auch letztes Mal werde ich mich an das Projekt Kurzgeschichte wagen.


 

 

In diesem Sinne . . . ein weiteres Mal viel Spaß beim Lesen.

 

 


Avi

 

 

 

 

 

Das Tor

 

 

„Diese Welt kann nicht alles sein. Da muss es noch mehr geben.“
„Du spielst zu viele Videospiele, Phillip.“
Phillip kann es nicht leiden, wenn sein sogenannter bester Freund die Augen verdreht und ihn nicht ernst nimmt. Schon seine Eltern nehmen ihn nicht ernst. Sie sagen auch er zockt zu viel und sollte lieber raus gehen und mit anderen Kindern spielen. Das hat Phillip mit 8 oder 9 Jahren gemacht, doch nicht mehr jetzt, wo er schon 12 Jahre alt ist. Nein, er weiß einfach das dieser Alltag nicht alles sein kann. Die Schule langweilt ihn und seine Eltern nerven einfach nur noch. Er soll gute Noten schreiben, lernen und sich auf das Wesentliche konzentrieren, sonst … Ja, sonst... Phillip wird wütend. Sie wollen ihm doch tatsächlich seinen 3DS wegnehmen. Das ist gemein, denn er war sein Weihnachtsgeschenk. Das hat Phillip genau ein Jahr lang Betteln und Flehen gekostet. Er dachte schon, dass sein Traum niemals wahr werden wird. Doch jetzt, wo er den 3DS hat, ist er unsagbar glücklich. Fremde Welten liegen direkt in seinen Händen. Das ist anders als Papas PC Spiele, welche er meist ohnehin nicht versteht.
„Phillip?“
„Hm?“
Er schaut müde auf. Sein sogenannter bester Freund sieht nachdenklich aus. Das ist ein komischer Anblick, weil Roman ihn immer irgendwie an ein Äffchen erinnert. Das liegt an seinen großen, abstehenden Ohren. Irgendwann sollen sie einmal operativ angelegt werden, doch Roman hat auch irgendwie Angst davor.
„Du warst früher so anders.“
„Wie meinst du das?“
Phillip versteht nicht.
„Naja, wir haben früher gemeinsam gelernt, dann waren wir auf Bäumen klettern. Siehst du den da drüben?“
Phillip folgt seinem Blick und ja, da ist er. Der große „Baumwächter“, wie sie ihn früher einst genannt haben. Er steht mitten in einem Wohngebiet und ist zwischen all den kleinen, frisch gepflanzten Bäumen der älteste und größte aller Bäume. Er sieht schon majestätisch aus, wie er so seine Äste gen Himmel reckt. Der Himmel ist grau und trüb. Kein Wunder, denn es ist Winter und noch dazu bitterkalt. Aber immerhin ist es windstill. Der Schnee knirscht ab und an unter seinen Winterstiefeln. Ein Geräusch, welches Phillip irgendwie mag. Es war letzte Nacht jedoch so kalt, dass selbst der Schnee auf den Fahrzeugen, Dächern, der Straße und auch auf den Ästen dieses Baumes gefroren ist.
„Ich will wieder mit dir auf Bäumen klettern oder irgendwas Verrücktes machen. Aber seitdem du dieses Gerät hast, beschäftigst du dich nur damit. Du schaust ja nicht einmal auf, wenn man mit dir redet.“
Nicht er jetzt auch noch! Phillip wird leicht wütend. Immer diese Vorwürfe, welche er auch schon beinahe Wort für Wort von seinen Eltern kennt.
„Na, ich muss doch sehen, was ich mache. Außerdem ist es jetzt zu kalt, um auf irgend welchen Bäumen zu klettern. Ich will lieber nach Hause. Die Schule ist vorbei und ich habe Freizeit. Die will ich nicht hier draußen verbringen. Es ist außerdem arschkalt!“
„Ja, aber wir könnten Rodeln gehen.“
„Rodeln?“
Phillip verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse. „Sind wir dafür nicht schon viel zu alt?“
„Du spinnst!“ Roman schüttelt seinen Kopf und beschleunigt seine Schritte. Er ist wirklich sauer, doch das ist Phillip im Moment egal. Wieso versteht ihn einfach keiner? Hier in dieser Welt macht es ihm keinen Spaß. Nichts macht hier Spaß. Weder spielen, lernen, noch sonst irgend etwas. Er fühlt sich hier so fehl am Platz. Das ärgert ihn. Viel mehr noch als die ständigen Vorwürfe seiner Eltern und neuerdings auch seines vermeintlich besten Freundes.

 

 

 

 

Es sind nun schon zwei Stunden vergangen, Phillip ist vollkommen durch gefroren (bis aufs Mark) und Roman hat noch nicht genug. Spielen. Draußen im Schnee. Wieso macht er das mit? Um Roman einen Gefallen zu tun? Phillip hätte schon längst ein paar Level seines Lieblingsspieles auf dem 3DS spielen können. Das hätte viel mehr Spaß gemacht als Schneemänner zu basteln, dämliche Schneeengel zu malen und sich mit Schneebällen zu bewerfen.
„Schau mal! Da drüben sind S- Bahn Schienen!“
„Ja und?“
Phillip will nur noch nach Hause.
„Komm mit!“
Er beißt auf seine Lippen, reibt seine steif gefrorenen Hände und folgt seinem Freund. Sie laufen vorsichtig, immer mit der Absicht nicht gleich auszurutschen, einen schmalen Weg an den Hochhäusern vorbei in Richtung S- Bahn Gleisen. Der Bereich ist eingezäunt, jedoch entdeckt Roman sehr schnell eine Schwachstelle im Zaun.
„Bist du bekloppt? Du willst doch nicht da durch kriechen . . . oder?“
„Komm schon! Das ist Abenteuer. Wenn du überhaupt noch weißt was das ist“
, entgegnet er vorwurfsvoll.
Es wirkt, denn Phillip folgt ihm zähneknirschend und zwängt sich ebenfalls durch das kleine Loch.
Die Sonne steht hoch am Himmel. Ein kleiner gelber Kreis quält sich durch die dichte Wolkenfront. Wären die Wolken nicht so dicht, wäre es ein recht sonniger Wintertag. Gegen etwas Wärme hat Phillip jetzt nichts einzuwenden. Seine Gedanken werden jäh unterbrochen, als er Roman auf die Schienen laufen sieht.
Hey! Spinnst du? Was machst du da?“
„Das ist doch cool. Wir gucken ob ein Zug kommt, und wenn wir ihn sehen, dann springen wir schnell zur Seite.“
„Was soll denn der Scheiß?“
Hat Roman jetzt total den Verstand verloren? Phillip kann es nicht fassen.
„Das habe ich mal in einem Film gesehen und finde das voll cool.“
„Ich geh lieber nach Hause und zocke etwas.“
„Schisser!“
„Ja, dann bin ich eben ein Schisser.“
„Ach, komm schon. Das ist genial.“
Vielleicht in deiner Welt
, denkt Phillip grimmig. Phillip erstarrt und beobachtet eine Weile wie Roman auf den Gleisen steht und friert. Ein Bahnhof ist nicht in Sicht, aber Phillip weiß wo er ist. Zwei Querstraßen weiter, direkt neben Edeka, wo seine Eltern immer einkaufen gehen. Phillip muss zum Glück nicht mit der S- Bahn fahren, wenn er zur Schule muss. Sie ist fußläufig direkt in seiner Nähe.
„Ich bin ein Agent. Und ich werde die Feinde bekämpfen.“
Was brabbelt der da? Der schaut zu viele Filme, da ist sich Phillip sicher.
„Hey, komm schon. Oder ich erzähle allen in der Schule, dass du ein Schisser bist. Die denken schon das du ein Nerd bist, also wäre das noch schlimmer. Ein Schissernerd!“
„Hör doch auf!“
„Schissernerd!“
Phillip hat die Schnauze voll. Er könnte sich jetzt einfach umdrehen, sich erneut durch den Zaun quetschen und nach Hause gehen. Doch irgend etwas hält ihn davon ab. Es ist ein Gefühl. Ein Gefühl, welches er schon einmal beim Spielen mit seinem 3DS bemerkt hat. Hier gibt es noch mehr als nur diese Welt. Früher ist er in Bücher eingetaucht, doch da waren die Welten nicht ganz so plastisch wie in den Videospielen. Wenn Gedanken und Ideen lebendig werden, hat er sich seit da an gefragt, was ist dann real in dieser Welt? Sind denn die Gedanken nicht selbst die Realität? Genau diese Gedanken begleiten ihn auf den Weg zu den Schienen. Er stellt sich direkt neben Roman und schaut in Richtung Horizont.

 

 

 

 

Irgend etwas schimmert am Ende der Schienen. Was ist das? Es wirkt so unwirklich, so surreal? Phillip kneift seine Augen zusammen, um mehr erkennen zu können. Das kann doch nicht . . . Phillip erkennt ein Tor. Ist dies eine Pforte in eine andere Welt? Eine Pforte wie er sie in den Videospielen gesehen hat? Phillip hört plötzlich Roman schreien, er versteht jedoch nicht was er sagt. Er sieht nur dieses Tor. Ein Zug rast heran und direkt durch dieses milchig- schimmernde Tor hindurch. Es ist ein weißer ICE, welcher beinahe eins mit seiner Umwelt wird. Der Zug rast auch auf ihn zu, jedoch, genau wie beim Tor, direkt durch ihn hindurch. Was ist geschehen? Phillip weiß es nicht, und er will es auch gar nicht wissen. Alles was er sieht, ist dieses Tor.
Phillip macht sich auf den Weg zum Tor und als er es erreicht hat, spürt er diese fließende Wärme. Es ist ein eigenartiges Gefühl. So schön beruhigend. Als er seine Hand ausstreckt, verschwindet sie im Tor. Was wohl jenseits dieser Pforte liegen mag?
„Nein!“ Er hört plötzlich seine Mutter schluchzen und weinen. Komisch... aber das Tor. Diese Wärme und Glückseligkeit. „Phillip! Es kann doch nicht...“ Die Stimme seiner Mutter wird immer leiser und als er durch das Tor tritt, verschwindet sie vollends.

 

 

 

 


Diese Welt ist so atemberaubend. Alles glitzert und schimmert blau, violett und auch in Farben, welche Phillip noch nie zuvor gesehen hat. Er hätte nicht einmal Worte, um sie beschreiben zu können. Es ist ähnlich wie mit dem Wort, welches beschreiben soll, dass man nicht mehr durstig ist. Das gibt es einfach nicht. Niemand hat sich da etwas für ausgedacht. So ist es auch mit den Farben hier in dieser Welt. Sie fließen, sind fest und manchmal singen sie auch. Wenn sie singen, empfindet es Phillip als besonders schön.
„Du hast dich hier sehr gut eingewöhnt.“
Er schon wieder. Oder ich schon wieder? Phillip weiß es nicht. Er sieht hier immer einen Jungen, der aussieht wie er selbst, es aber irgendwie auch wieder nicht ist, weil er Dinge weiß, von welchen er noch nie in seinem Leben gehört oder etwas erfahren hat.
„Die Kristalle sind gewachsen.“
Phillip deutet auf die neue Säule, die neben dem Schloss entstanden ist. Das Schloss ist für ihn unerreichbar. Leider, aber irgendwann will er da mal hin. Es erinnert ihn an ein Schloss, welches er mal in einem Spiel gesehen hat. Jedoch verschwinden die Treppenstufen, sobald er drauf tritt. So ist es auch mit den Kristallen. Phillip geht auf zwei schwebende Kristalle zu. Es knirscht unter seinen nackten Füßen. Es prickelt dabei ein wenig zwischen seinen Zehen. Kaum hat die schwebenden Kristalle erreicht, lösen sie sich plötzlich auf. Am komischsten sind jedoch die Spiegel. Hier in dieser Welt gibt es Spiegel, und wenn er hindurch sieht, kann er die Gesichter seiner Eltern sehen. Sie sehen traurig aus. Vielleicht liegt es auch daran, weil Phillip sie nicht vermisst. Hier in dieser Welt vermisst er ohnehin nichts. Er ist glücklich.
„Ja, dass bist du so lange bis alles weg ist.“
„Du sprichst wieder in Rätseln.“
„Rätsel gibt es nicht, Phillip.“
„Doch. Sonst gäbe es nicht so viele Fragen.“
„Was sind Fragen?“
Phillip will antworten, doch plötzlich hat er tatsächlich vergessen was Fragen sind. Was haben sie für eine Bedeutung und warum sind sie da? Gedanken sind real. Aber Fragen? Er denkt, aber fragt nicht. Er denkt und weiß. Er weiß auch jetzt warum Fragen da sind. Sie sind die Antworten, die man sich gibt, ohne die Antwort selbst auszusprechen. Sie sind wie Spiegel der Antworten. Fragen sind nicht real, aber dafür die Antworten. Die Bedeutung liegt im Innern. Warum ist die Welt rund? Weil sie eckig ist. Warum gibt es die Zeit? Weil nichts existiert. Warum existiert nichts, wenn doch so vieles real ist? Weil nichts real ist. Was ist dann real? Das was du fühlst und denkst. Hörst du auf zu denken, dann ist nichts mehr real. Weder die Gedanken, die Fragen, die Zeit, noch die Welt. Phillip lächelt. Diese Welt ist so schön, warm und ruhig. Überall entstehen Dinge, und sie vergehen auch wieder, um neuen schönen Dingen Platz zu machen. Er sieht Kristalle, hört dem Gesang kleiner Feen zu und wenn er eine Wiese sieht, auf welcher große Bären liegen, weiß er dass alles gut ist. Hier ist alles gut.
„Sieh da! Es beginnt alles zu sterben.“
Eine große schwarze, bedrohlich Wand beginnt alles zu verschlingen. Wie ein Schleier oder ein Leichentuch werden das Schloss, die Wiesen, Kristalle und Spiegel überdeckt. Alles verschwindet ihm Nichts und das macht ihn traurig. So unsagbar traurig... Er mag dieses Gefühl nicht. Trauer ist hier so falsch. Trauer gehört hier nicht her.
„Nein. Das soll nicht geschehen.“
„Ich will das nicht.“
„Das ist nicht gut.“
„Hier habe ich mich wohl gefühlt und will noch länger hier sein.“
„Sie wissen nicht das ich hier glücklich bin. Hier wollte ich schon immer mal hin. Das ist mein Ort.“
„Macht ihn nicht kaputt...“
„Macht ...“
„...ihn...“
„nicht ...“

 

 

 

 

 

 


„Es war die einzig richtige Entscheidung, mein Schatz.“ Frank schaut seine Frau bestürzt an. Diese Entscheidung war wirklich nicht leicht. Aber sie musste getroffen werden.
„Das wäre doch kein Leben für ihn gewesen“, schluchzt sie.
„Nein. Du hast Recht.“
„Er war doch praktisch schon tot, oder?“
„In der Tat. Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen. Er war hirntot und nur noch die Maschinen haben ihn am Leben erhalten“
, versichert ihnen der Arzt. Wie ein Halbgott in weiß steht er neben Phillips Krankenbett. Phillip liegt dort und schläft. Für immer. Der Schlauch seiner Beatmungsmaschine schaut noch aus seinem Mund, obwohl sie längst abgeschaltet ist. Er wirkt tot. Er . . . ist tot. Eingeschlafen für immer. „Man sagt, dass Bewusstsein entstehe im Gehirn und genau das bildet unser "Ich". Auch wenn einige Spinner meinen, das Bewusstsein existiert abgekoppelt davon.“ Er unterdrückt sein Schmunzeln, denn diese Eltern leiden gerade sichtlich unter dem Verlust ihres Sohnes. „Ich kann ihnen jedoch versichern, dass ihr Sohn schon tot war bevor wir die Maschinen abgeschaltet haben.“
Frank nimmt seine schluchzende Frau in den Arm und nickt. Er stimmt ihm zu, versucht stark zu sein, doch ein fader Beigeschmack bleibt. Haben sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


Tags:

Kurzgeschichten Surreal Dimension Materie Geist


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