Dark Side of the World

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Nach meinem letzten Blog, welcher eher visueller Natur war, haue ich diesmal richtig in die Tasten und versuche mich nun an einer Kurzgeschichte. Wenn diese halbwegs lesenswert ist, schreibe ich bei Bedarf vielleicht noch eine weitere Kurzgeschichte. In diesem Sinne . . . viel Spaß beim Lesen.

 

 

 

 

Fliegen


Mark hat schrecklichen Durst. Es ist spät am Nachmittag und er hat seit Stunden weder gegessen, noch getrunken. Erschöpft wischt er sich mit seinem behandschuhten Handrücken den Schweiß von der Stirn und hinterlässt dabei eine dreckige Spur auf seiner klebrigen Haut. Mark's Blick verfinstert sich als er die Berge der Müllhalde so betrachtet. Meter um Meter wachsen diese tagtäglich an. Alles Zivilisationsdreck, welcher nun von der Nachmittagssonne in einen grellen Schein gehüllt wird. Seine Augen beginnen zu tränen, je länger er dort hinschaut.
„Was für ein scheiß Job“, murmelt er. Doch was soll er machen? Er hat dieses Jahr schon wieder keinen Ausbildungsplatz bekommen und noch ein Jahr sinnlos rumsitzen bringt doch nichts. Der Job auf dieser beschissenen Mülldeponie ist alles andere als reizvoll, doch er wird gut bezahlt.
           Mark ist 19 Jahre alt und schon in der Schule nicht besonders gut gewesen. Es reichte gerade einmal für einen Hauptschulabschluss. Schlecht genug, dass sein Vater noch mehr Gründe hat ihn fertig zu machen, aber immerhin besser als gar kein Abschluss. Wenn er diesen ganzen Schrott so sieht, verteufelt er sich dafür das er den noch härteren Job auf dem Bau nicht angenommen hat. Aber dieser wäre bloß ein Praktikum gewesen und das was er braucht ist Geld und keine Beschäftigung. Seine kleine Einraumwohnung, sowie diverse Rechnungen müssen bezahlt werden. Das er nun von oben bis unten nach verfaulten, abgestanden und verrotteten Zeugs stinkt, gefällt ihn absolut nicht. Er hätte heute bis Mittag ausschlafen können, um dann in Ruhe den Tag zu beginnen. Heute jedoch ist der erste Tag seines neuen Lebens, wie seine Mutter am Telefon euphorisch zu ihm sagte. Super, Toll, Applaus. Um halb sechs aufstehen, duschen (wofür eigentlich bei diesem Dreck?) und ab in die Straßenbahn zum Müllplatz.
Mies gelaunt macht er sich auf dem Weg zum kleinen Personalhäuschen. Es ist viel mehr ein kleiner Container, in welchen eine alte Couch, ein paar Spinds und ein Bürotisch seines Chefs stehen. Auf dem Weg dorthin stolpert er beinahe über eine kleine Blechdose.
         „Fuck!“ Wütend kickt er sie weg, so dass sie lauthals gegen einen Berg aus Altmetall prallt. Das wiederum schreckt einen Schwarm Fliegen auf, welcher sich dort niedergelassen hat. Mark schenkt ihnen keine Beachtung. Viel mehr ärgert er sich darüber was für Zeugs doch die Menschen wegwerfen. Das was er heute alles gesehen hat, wird ihn noch bis in seine Träume verfolgen. Halbierte Ratten, entsorgte Haustiere, benutzte Kondome, sowie ein defekter Dildo waren unter all dem noch die witzigsten Sachen gewesen.
Kaum im Container angekommen, öffnet Mark seinen Spind und greift nach seiner Cola Flasche. Die dunkle Zuckermasse fließt durch seine Kehle, doch ganz gleich wie viel er auch trinkt, es löscht einfach nicht seinen Durst.
„Handschuhe ausziehen, wenn du Essen und Trinken willst! Ich hab dir doch alles erklärt wie es hier abläuft!“ schimpft sein Chef.
          Scheiße, was will der denn jetzt hier? Mark schraubt die Flasche zu und murmelt eine Entschuldigung.
„Morgen wieder zur gleichen Zeit, aber vorher will ich noch was mit dir besprechen. Sei pünktlich!“ Kaum hat er das ausgesprochen, ist er auch schon wieder weg.
„Vielen Dank das du mir einen schönen Feierabend gewünscht hast.“ Mark holt seinen Rucksack aus dem Spind und knallt wütend die metallene Tür zu. „Wichser!“
         Sein Chef ist ein untersetzter Gnom mit dem Aussehen einer Robbe. Letzteres liegt an seinem beschissenen Bart. Mark kann ihn echt nicht leiden. Sein Chef macht eben kein Geheimnis draus, dass er ihn für einen Assi hält, aber wenn er so denkt, dann kann sich Mark auch ruhig wie einer verhalten. Aus diesem Grund lässt er provokativ seine dreckigen Sachen und Handschuhe an, und macht sich auf dem Weg nach Hause. Das Tor erscheint ihm beinahe wie die Pforte in eine andere Welt. Nein, dass ist übertrieben. Wie der Weg zurück in die Freiheit. Eigentlich hätte er auch in den Knast gehen können, denkt er grimmig.
         Er zuckt erschrocken zusammen als sich eine Fliege auf seine Wange setzt. Er wischt sie weg und greift nach der Klinke. Die Fliege jedoch lässt nicht locker und setzt sich auf seinen dreckigen Overall, welcher einmal blau gewesen ist. Jetzt ist er grau und mit allerlei Zeugs verklebt. Eine zweite Fliege scheint Gefallen an seinen stinkenden Sachen zu finden, und nimmt auf einer Falte seines rechten Hosenbeines Platz. Egal, er will jetzt nur noch nach Hause.

 

 

 

 

 

 


          Was für ein Spaß. Mark kann sich unter der Dusche ein Lächeln nicht verkneifen. Er hat gestunken wie ein abgelaufener Joghurt als er in die Straßenbahn gestiegen ist. Die Gesichter der Fahrgäste waren unbezahlbar. Eine alte Oma hat sogar ihr Tuch vor die Nase gezogen. Einfach herrlich. Mark grinst vergnügt, seift sich ein und duscht kurz darauf alles ab. Nachdem er das Wasser abgestellt hat, verharrt er noch einmal kurz in dem heißen Dampf. Ist dies wirklich sein Leben? Er hat eine eigene Wohnung, aber keinen guten Job. Immerhin hat er jetzt einen Job, und er muss sich nicht mehr anhören das er bloß ein arbeitsloser Taugenichts ist. Seine Freundin hat ihn verlassen, weil er zwar sehr süß (vielen Dank für die Blumen) jedoch vollkommen orientierungslos im Leben ist.
Mark verlässt die Duschkabine und trocknet sich flüchtig ab. Orientierungslos. Blödes Wort, empfindet er. Was Frauen immer alles wollen. Er ist gut im Bett. Reicht das nicht? O.K., er kann sich zwar nicht immer alles leisten und Frauen auch nicht immer alles kaufen, aber ist Geld denn wirklich alles im Leben?
         Scheiße. Er hasst solche Momente, wo er sein Leben und sich selbst in Frage stellt. Einfach vor sich hin leben und nicht nachdenken. Einfach die Vorwürfe seines Vaters und seiner Ex vergessen. Ja, so will er es machen. Mark atmet tief durch, verscheucht eine Fliege von seinem Waschbecken und beginnt sich die Zähne zu putzen.

 

 

 

 

Es dämmert bereits und die Sonne wirft ihr dreckig gelbes Licht in sein kleines Wohn- und Schlafzimmer. Seine Wohnung ist eine unaufgeräumte Baracke im 6. Stock eines Plattenbaus. Diese Häuser sind saniert und somit sieht dieses Gebiet nicht mehr ganz so nach Slum aus. Der Penner, welcher es sich eine Straßenecke weiter gemütlich gemacht hat, sowie einige Läden, deren Fenster mehrmals eingeworfen worden sind, sprechen eine viel deutlichere Sprache. Mark kann es drehen und wenden wie er will, aber er wohnt scheiße. Dafür ist die Miete jedoch sehr günstig und es gibt einen Müllschlucker im Treppenhaus.
          Gelangweilt streckt er seine Beine auf seinem Klappbett aus und schaut auf seinen Fernseher. Er zockt gerade, wenn auch sehr halbherzig, Skyrim. Er hat schon gar keine Ahnung mehr, was er in dem Spiel alles machen wollte. Eine Fliege setzt sich plötzlich auf seinen Controller. Er muss den Controller mehrmals schütteln, damit die Fliege endlich weg fliegt. Gerade als ihm endlich wieder einfällt, was er in dem Spiel als Nächstes machen will, setzt sich dieses Mistvieh auf seine Hand und reibt sich die Beine.
„Fuck!“ Er schüttelt seine Hand heftig, bis sie endlich abzischt. Mark beginnt sich nun zu fragen, ob er diese Viecher von seiner Arbeit mitgenommen hat. Ziemlich anhänglich diese Kackbratzen, denkt er grimmig. Er will weiter zocken, doch das Summen seines auf stumm geschalteten Smartphones schreckt ihn auf. Ohne den Controller loszulassen, greift er nach dem Smartphone, drückt auf den grünen Hörerknopf und nimmt das Gespräch an.
„Ja“, knurrt er lustlos.
„Wie war dein erster Arbeitstag?“

„Jenny?“ Mark richtet sich auf seinem Bett auf. Kaum zu glauben das ihm seine Ex Jennifer anruft. Um sich noch einmal davon zu überzeugen, wirft er einen Blick auf's Display. Tatsächlich. Da steht ihr Name. „Weswegen rufst du mich noch mal an?“
„Es interessiert mich wie es dir so ergangen ist und wie die Arbeit so war.“
„Hm... Naja, es war O.K.“, lügt er.
„Das ist ja toll. Wollen wir uns mal wieder treffen?“
           Ich arbeite auf einem beschissenen Müllplatz und werde über die Hälfte eines jeden Tages stinken, geht es ihm erzürnt durch den Kopf. Ist es das was sie sich wünscht?
„Warum sollten wir das tun? Du hast Schluss gemacht.“
„Ich dachte ja nur...“
„Ja, du sollst nicht denken!“
„Mark, ich will dich doch einfach nur treffen.“
„Warum? Weil ich jetzt wieder eine Perspektive habe?“ fragt er gehässig und mit starker Betonung auf das Wort Perspektive.
„Warum bist du denn so wütend?“

„Ich bin nicht wütend. Ich habe einfach nur keinen Bock mehr auf dich!“ Er kann ihre liebliche Stimme nicht mehr ertragen. Als Konsequenz aus der ganzen Scheiße, legt er auf. Was hat sich diese Tusse nur gedacht? Er feuert das Smartphone wütend zu Boden und atmet tief durch. Dabei fliegt ihm jedoch eine Fliege in den Hals, er hustet, wirft den Controller beiseite und versucht nun panisch nach Luft zu japsen. Die Luftröhre scheint blockiert zu sein und er bekommt einfach keinen Sauerstoff mehr. Mark beugt sich nach vorn und hustet so laut und angestrengt, bis sein Kopf rot anläuft. Als er schon glaubt ersticken zu müssen, lässt der Druck endlich nach und er kann wieder atmen.
              „Fu. . .“, presst er mühsam hervor und greift nach seinem Cola Glas. Er schüttet dieses warme Getränk, dessen Kohlensäure sich bereits vollständig aufgelöst hat, in einem Zug herunter. Ist das schön wieder Luft zu bekommen und atmen zu können. Mark lehnt sich erschöpft zurück, doch als er eine weitere Fliege erspäht, welche es sich auf seiner Socke bequem gemacht hat, verliert er seine Fassung.
„Ihr scheiß Viecher!“ Mark schüttelt energisch seinen Fuß, bis die Fliege weg fliegt, und richtet sich auf. Er rollt die Tageszeitung vom letzten Freitag zusammen und geht auf die Jagd. Diese kleinen Biester mit ihren Facettenaugen und diesen haarigen Beinen... Mark will sie alle vernichten und somit seine Wohnung von dieser Plage bereinigen!

 

 

 

 

 

 

Es ist zum Verzweifeln. Drei Viecher hat er bereits erwischt, doch eine schwirrt hier immer noch irgendwo herum. Die drei Fliegenleichen liegen im Bad, auf der Spüle und auf seinem TV Tisch. Doch eine fliegt hier immer noch fröhlich durch die Gegend. Da sitzt sie! Mark sieht diesen kleinen, schwarzen Fliegenkörper auf seiner Heizung sitzen. Sie reibt ihre Hinterbeine und als er sich ihr langsam nähert, zuckt sie ein wenig zusammen. Es ist fast so, als würde sie ihn sehen. Als würde sie ahnen was gleich geschehen wird. Und so ist es auch, denn als er mit seiner Zeitung ausholt, erhebt sie sich und fliegt an die Decke. Kopfüber starrt sie ihn an und reibt sich nun die Vorderbeine.
Dieses Insekt muss sterben, geht es Mark immer wieder durch den Kopf.
             Sein Jagdtrieb ist angeheizt und er will es beenden. Dieses eine Mal will er siegen und es sich selbst beweisen, dass er es drauf hat. Das er wer ist. Mark holt den kleinen Hocker aus seiner Küche, oder vielmehr aus der Kammer, denn viel größer ist seine Küche auch nicht. Er platziert ihn vorsichtig genau unter dieser Fliege, steigt hinauf und muss verzweifelt mit ansehen wie die Fliege Reißaus nimmt und sich auf den Türrahmen der Flurtür setzt.
„Du bist tot! Du weißt es nur noch nicht!“ Mark steigt ab und schleicht vorsichtig in Richtung Türrahmen. Er kommt sich zwar richtig dämlich vor, aber bis nicht die letzte Fliege gefallen ist, kann er heute Nacht nicht mehr ruhig schlafen. Und da ist sie. Direkt vor ihm. Sie scheint ihn anzusehen. Diese kleinen, utopischen Augen wie aus einer anderen Welt. Ja, genau das ist es. Diese Viecher sind keine Erdlinge.
           „Pff...“, macht er und fragt sich was ihm gerade für einen Scheiß durch den Kopf geht. Er holt aus und erwischt die Fliege. Ihr toter Körper fällt zu Boden und bleibt dort mit nach oben gestreckten Beinen regungslos liegen.
Mark ist zufrieden. Er lächelt, geht in die Hocke und betrachtet dieses leblose Vieh. „Jetzt ist klar, wer hier der King ist!“ Kurz darauf erhebt er sich wieder und tritt mit seiner Socke auf die tote Fliege. „So. Zeit fürs Essen“, meint er mit Blick auf sein halbes Käsebrötchen, welches auf dem kleinen Tisch neben seinen Klappbett liegt.

 

 

 


Schon seit über einer Woche fühlt er sich schwach und heute hat er gar so etwas wie Fieber. Dieser Job macht ihn krank. Mark klettert über den Bauschutt und schaut grimmig zum trüben Himmel hinauf. Da kommt heute noch was runter, so viel ist sicher. Die Wolken sind fast schwarz und irgendwo jenseits dieser dicken Wolkenfront wetterleuchtet es. Nicht mehr lange und es donnert und blitzt. Nein, heute wird er diesen Job hinschmeißen. Ist doch egal was alle denken. Er wird etwas anderes finden. Scheiß auf seinen Vater und scheiß auf Jenny. Ein starker Krampf zwingt ihn auf einmal in die Knie.
           „Nicht schon wieder diese Schmerzen.“ Er verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse und ballt seine Hand zur Faust.
„Hey, Bauwer! Du hast keine Pause, also geh rüber und lade den Müll auf die Karre!“ brüllt sein Chef, welcher ihn vom Westhügel aus erspäht hat.
Diese verkackte Robbe, denkt er, doch ein weiterer Krampf unterbindet jedweden Gedanken. Alles was er denken kann ist nur noch Schmerz. Mühsam und seinen schimpfenden Chef ignorierend, schleppt er sich aufs Klo. Er weiß gar nicht mehr wie er es geschafft hat, doch kaum ist er dort angekommen, spuckt er Blut neben der geschlossenen Kloschüssel. Kurz darauf wird er ohnmächtig.

 

 


Es ist ein ruhiger Vormittag. Besonders viele Menschen sind nicht gekommen, aber Mark kannte auch nicht mehr so viele Leute. Vor allem nach seinem Schulabschluss sind es immer weniger geworden. Jeder ging seines Weges, um Familien zu gründen oder im Job, der Ausbildung oder der Karriere voran zu kommen. Nur er blieb auf der Strecke.
Die Blicke der Menschen sind nicht besonders betroffen. Hier und da schnieft jemand. Allen voran seine Mutter. Die Miene seines Vater hingegen ist eiskalt. So wie immer. Jenny weint auch. Aber die anderen flüchtigen Bekannten schauen schon auf die Uhr. Zeit ist kostbar heutzutage.
             Der Priester klappt sein Buch zusammen, sagt noch ein paar tröstende Worte und lässt kurz darauf die Trauernden mit einem gespielt - mitleidigen Blick alleine am Grab zurück.
„Ich hätte niemals gedacht das er mal an einem Virus sterben würde“, murmelt einer der Trauergäste.
„Wie kann so etwas denn passieren?“ Fragende Blicke überall.
„Er hat sich wohl durch Insekten angesteckt. Bei dem aggressiven Erreger kein Wunder. Wäre er früher zum Arzt gegangen, würde er vielleicht noch leben. Echt schade.“
„Schade? Er hat doch eh nichts erreicht im Leben. Ich meine, wer war er denn schon?“
„Nicht so laut. Seine Eltern!“
„Na, ist doch wahr.“
               Es dauert nicht lange bis sich die Trauergäste von Mark's Grab entfernt haben. „Geliebter Sohn“ steht unter seinem Namen in silbernen Lettern. Die Sonne umhüllt sein Grabstein mit einem warmen Schein. Es riecht nach aufgewühlter Erde und den Blumen diverser Trauersträuße. Ab und an weht ein starker Fliedergeruch am Grab vorbei. Alles ist ruhig und selbst die Vögel auf diesem Friedhof scheinen nun zu schweigen. Eine Fliege umschwirrt die Blumen, dreht ein paar Runden und setzt sich schließlich auf sein Grabstein. Genüsslich beginnt sie ihre Vorderbeine aneinander zu reiben.

 

 


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