Dark Side of the World

Das Magazin für alle Themen jenseits des stressigen Alltags

Dieser Blog ist unsichtbar!


 

Als die Menschen ausstarben

 

 

 

6. . . . für Menschen unbewohnbar

 

 


       Bedacht scheint die silberfarbene Mondsichel auf das helle Gebäude. Die Sterne funkeln und eine Sternschnuppe zischt mit ihrem leuchtenden Schweif über das Firmament des Nachthimmels. Einen Augenaufschlag später ist sie bereits wieder erloschen. Die Nacht hier draußen ist sehr laut. Man hört eine Schlange zischen und selbst ein kleiner, schwarzer Skorpion ist nicht gerade leise als er im bereits abgekühlten Sand nach Nahrung zu suchen beginnt. Beinahe schon friedlich liegt das Gebäude mit den Glasfenstern hinter den Dünen auf einer felsigen Erhöhung. Zerbrochen, aber noch als solche erkennbar, liegen gigantische Satellitenschüsseln im grobkörnigen Sand vergraben. Ein Stacheldrahtzaun, welcher einst neugierige Besucher fernhalten sollte, ist schon seit vielen Jahren umgefallen und derart verrostet das man ihn kaum anfassen kann. Metallskelette von kleineren Fahrzeugen stehen hier überall herum und auf dem Dach des Gebäudes befinden sich noch intakte Fotovoltaik- Platten, sowie Antennen und weitere zerbrochene Sat- Schüsseln.
       Im Innern des Gebäudes wandert ein kleines Licht umher. Es stammt von Rodi, welcher sich aus vertrocknetem Geäst und Leinenfetzen eine Fackel gebastelt hat. Er führt nun, immer sorgsam das Licht in seiner gesunden Hand haltend, seine Freunde durch weiße und kahle Gänge. In einigen Räumen die vom Flurgang abzweigen können sie merkwürdige Gerätschaften ausmachen, deren Nutzen und Bedeutung ihnen vollkommen fremd sind. Das Gebäude an sich ist noch relativ gut erhalten, stellt Miko verwundert fest. Dennoch sind einige Scheiben der verglasten Fassade zersprungen oder fehlen komplett. Die Räumlichkeiten im Innern jedoch sind in einem guten Zustand und nicht so leer und ausgehöhlt wie die Skelettruinen in den großen Betonstädten. In den Räumen befinden Tische, auf welche merkwürdige Apparaturen platziert sind, sowie große Schränke mit Schaltern, Kabel und vielen Knöpfen. In einem anderen Raum sieht er eine große Apparatur isoliert hinter einer Glaswand stehen. Als Miko das so betrachtet, beginnt er sich zu fragen warum ein einziger Raum nur für diese Apparatur gebaut worden ist. Er fühlt sich bei diesem Anblick ein wenig an das Kinderzimmer (und Miko vermutet immer noch das es mal ein solches war) erinnert. In einigen Schränken sieht er nun weiße, jedoch recht verstaubte Kleidungsstücke hängen. Überhaupt scheint hier alles weiß zu.
       „Ein . . . merkwürdiger . . . Ort“, keucht Fynn erschöpft.
„Hier kann man auf jeden Fall prima Unterschlupf finden.“ Rodi mustert Fynn besorgt.
„Ich weiß nicht. Dieser Ort ist mir irgendwie unheimlich.“ Ysa schaut sich nervös um.
Mikos Ohr zuckt plötzlich als er einen schrillen Klang vernimmt. Er fährt herum und hört nicht nur ein leises Rascheln jenseits der Schränke, er kann die kleinen Mäuse auch kurz erkennen. Mäuse hat er in seinem Leben nicht oft gesehen, aber er weiß das sie ungefährlich sind. Sie sind ja auch sehr klein und besitzen nicht so einen Riesenwuchs wie die Dunkelratten. Miko findet sie manchmal sogar recht niedlich. Er muss plötzlich über seine eigenen Gedanken schmunzeln. Doch seine gute Laune vergeht sofort wieder als er Fynn's Zustand bemerkt.
Fynn ist schwach. Sehr schwach und auch recht ausgemergelt im Gesicht. Selbst im gelbfarbenen Schein der Fackel wirkt Fynn's Gesicht aschfahl. Seine tiefen Augenringe, dass mühsame Japsen nach Luft und auch die Tatsache das er sich kaum noch auf den Beinen halten kann, machen Miko Angst. Dabei ist es ihm gestern doch noch so gut gegangen, denkt er traurig.

 

 

 

 

 


        „Da vorne könnten wir endlich Glück haben.“ Rodi deutet auf eine halboffene Tür am Ende des Ganges, kurz bevor der Flur einen Knick macht und tiefer in das Gebäude hinein führt. Ein langer Stab, um welchen sich zwei Schlangen wickeln, hängt als Symbol neben der Tür. Die Menschen damals müssen wohl Schlangen sehr gemocht haben, vermutet Miko. Er weiß jedoch, genau wie Rodi, dass man mit etwas Glück in der Nähe solcher Zeichen sehr oft Verbandszeug finden kann. Rodi hat wohl von Anfang an, kaum das sie das Gebäude betreten haben, wegen Fynn nach einem solchen Ort gesucht.
        Vorsichtig drückt Ysa die Tür nach hinten und gibt somit den Blick auf viele verstaubte Bettlager frei, die recht bequem aussehen. „Das Schlangenzeichen, die Lager . . . Das hier war einmal eine Krankenstation“, stellt Ysa aufgeregt fest.
      Fynn lässt sich schwer atmend auf eines dieser Lager nieder und berührt seinen Brustkorb. Sein Gesicht ist derart verkrampft, dass Miko seinen leidvollen Anblick kaum ertragen kann.
„Fynn. . . .“ In Rodi’s Augen spiegelt sich eine tiefe Trauer wieder.
„Alles . . . in . . . Ordnung“, keucht er erschöpft. „Es . . . ist nur wieder ein Schwächeanfall.“ Mühsam hebt er seinen Kopf, um Rodi ein Lächeln zu schenken, welches ihn sehr viel Kraft kostet.
Ysa legt ihr Bündel ab, hockt sich auf den Boden daneben und beginnt darin nervös nach ihrer Wasserflasche zu suchen. Sie wird schnell fündig, aber die Flasche ist nur noch bis zur Hälfte gefüllt. Die Sorge um neues Wasser haben sie bisher gut zu verdrängen gewusst, und auch jetzt in diesem Moment versucht Miko nicht daran zu denken.
      „Hier.“
Miko nimmt Rodi schnell die Fackel ab, damit er Ysa's Wasservorrat entgegen nehmen kann. Rodi hat im Moment jedoch keinen Kopf für Höflichkeiten. Er ignoriert sowohl Ysa als auch Miko als er sich um Fynn zu kümmern beginnt. Er hockt sich vor das Bettlager und setzt die Flasche an Fynn's Mund. „Hier, trink! Aber nur ganz langsam und in kleinen Schlücken.“
        Fynn trinkt gehorsam, aber auch diese Aktion fällt ihm sichtlich schwer.
„Mach . . . dir . . . keine Sorgen um mich.“ Fynn schaut auf und legt ganz sanft eine Hand auf sein Knie, um Rodi mit dieser Geste ein wenig Trost zu spenden. Rodi's Blick jedoch bleibt besorgt und Miko glaubt im Schein der Fackel gar Tränen in seinen Augen erkennen zu können.
„Er sollte vielleicht etwas schlafen“, schlägt Ysa vor.
„Das ist eine gute Idee. Ich bleibe bei ihm. Ihr könnt euch hier noch etwas umsehen. Vielleicht findet ihr etwas Nützliches für Fynn?“
„Sollen wir euch die Fackel hier lassen?“

 

 

 

 

 

 


        Rodi schüttelt den Kopf und deutet kurz auf das Fenster. Erst jetzt bemerkt Miko das man die Sterne und den Mond sehen kann. Es ist jedoch der Schein der Fackel, welcher alles überstrahlt.
Ysa nickt und entfernt sich zusammen mit Miko. Sie wissen beide das Rodi mit Fynn alleine sein möchte. Fynn braucht jemanden (jetzt mehr als jemals zuvor) der an seiner Seite ist. Miko bricht seine weiteren, recht traurig werdenden Gedanken ab und versucht sich stattdessen auf das Gebäude zu konzentrieren.
Es ist von innen größer als von außen, so kommt es Miko so langsam vor. Die Gänge sind schmal und sehr verwirrend. Als Mikos Fackel zersplitterte Fotorahmen beleuchtet, bleibt er kurz stehen. Neben den leeren Rahmen hängen Metallplatten mit merkwürdigen Schriftzeichen. Miko kann nicht lesen, Ysa hingegen schon. Sie tritt an seine Seite und versucht im flackernden Schein etwas zu erkennen.
        „Das ist die Sprache einer längst ausgestorbenen Zivilisation“, sagt sie. „Ich kann sie leider nicht entziffern.“
Währenddessen Miko weiter die Umgebung erkundet, erzählt Ysa etwas über die alte Zivilisation. Zumindest das was sie noch weiß und in Erfahrung bringen konnte. Es gab einmal recht viele Menschen und sie lebten auf der ganzen Welt zusammen. Es gab keine Territorien oder Nomaden. Sie wurden scheinbar sehr alt, denn es muss sehr lange gedauert haben so riesige Häuser zu bauen. Ysa's Geplauder hilft Miko beinahe die Sorge um Fynn zu vergessen. Aber nicht nur um Fynn, denn der schwindende Wasservorrat bereitet ihm schon lange ein großes Unbehagen. Woher sollen sie Wasser nehmen, wenn alle Flaschen leer und der letzte Tropfen getrunken ist? Kaum zu Ende gedacht, läuft er beinahe in eine massive Tür hinein. Er hält inne, bekommt jedoch einen unschönen Hackentritt von Ysa.
       „Tut mir leid.“
Mit Blick über seine Schulter fällt ihm auf das er gar nicht mitbekommen hat das sie nun hinter ihm läuft. Die massive Stahltür jedoch macht ihn irgendwie neugierig. Sie ist beinahe bedrohlich und die vielen Hebel und Gewinde davor erscheinen ihm so, als wollen sie ihn warnen die Tür nicht zu öffnen. Würde Miko doch nur auf sein Gefühl achten . . .
Seine Neugierde siegt, doch Ysa ist schneller.
       „Was ist das für ein Raum?“ fragt sie und dreht an den Windungen, zieht die Hebel zurück und öffnet somit mühsam die Tür. Miko muss ein wenig nachhelfen, doch ganz bekommen sie dieses schwere Ding nicht auf. Der Spalt jedoch genügt, damit sie beide hindurch huschen können.
        Der Fackelschein beleuchtet einen verwüsteten Raum, in welchen allerlei Gerümpel herum liegt. Es scheint beinahe so als wäre hier in großer Eile alles fluchtartig verlassen worden. Tische und Stühle sind umgeworfen. Sie rosten vor sich hin, währenddessen an den Wänden schon die weiße Farbe, mitsamt der Tapete abperlt. Dahinter verbirgt sich nackter Beton. Ein alt bekanntes Bild für Miko. Er beginnt sich nun zu fragen ob es in den Flurgängen auch schon so gewesen ist. Doch gigantische, schwarze Glasflächen an den Wänden unterbrechen seine Gedankengänge. Sie sind sehr matt und anders als Glas spiegelt sich nichts in ihnen. Miko hat in den letzten verbliebenen Müllbergen jenseits seiner alten Stadt schon oft solche schwarzen und gebogenen Flächen gesehen, in denen sich kaum etwas widerspiegelt. Verstanden hat er deren Sinn jedoch nicht.

 

 

 

 

 

 


          Es liegen hier überall Gerätschaften herum, sowie Papier, Kabel, lauter kleine Sticks und runde, bunt glänzende Scheiben. Mit der Fackel in der Hand geht Miko zu einer auffallenden Platte an der Wand. Er hat sie schon oft in der Stadt gesehen und manchmal (aber sehr sehr selten, so dass er es nur einmal beobachten konnte) gehen verschlossene Türen damit auf, wenn man die Hand darauf legt. Miko versucht sein Glück, doch es geschieht nichts.
       „Versuch es doch mal mit Fynn's Methode“, schmunzelt sie.
Miko versteht nicht, doch plötzlich beginnt er sich daran zu erinnern wie Fynn vor einiger Zeit mit seiner Faust auf die Panzerarmatur gehämmert hat. Miko tut es ihm gleich und kurz darauf beginnt sich nun der Raum derart hell zu erleuchten, dass Mikos Augen anfangen zu tränen. Nicht alle Lichtquellen sind angesprungen, aber Miko wird nun bewusst das seine Fackel nun unbrauchbar geworden ist. Er klemmt sie zwischen zwei Apparaturen auf einem Tisch, überprüft kurz ob sie hält und wendet sich dann suchend zu Ysa um.
      Diese starrt fasziniert auf die Monitore. Ein seltsames Logo, deren Bedeutung Miko nicht versteht, ist nun beinahe auf allen Wänden zu sehen. Die matt - schwarzen Glasscheiben sind lebendig, ähnlich der Armatur im Panzer.
Ysa ist sehr aufgeregt als sie all das sieht. „In dem Gefährt letztens gab es auch so ähnliche Dinger.“ Sie berührt neugierig einen der großen Bildschirme und urplötzlich verändert sich das Bild. Miko eilt zu ihr und stellt sich an ihre Seite. Was ist das nur, fragt er sich nervös.
      Mehrere Symbole erscheinen auf der Glasfläche. Symbole mit denen sie nichts anfangen können, doch Ysa drückt einfach auf das Symbol unten links – das Einzige das sie aufgrund ihrer Körpergröße erreichen kann.
Das Bild verändert sich wieder und ein Mann ist plötzlich überall zu sehen. Miko und Ysa können kaum mehr atmen als sie in sein Antlitz blicken. Er hat keinerlei Missbildungen und seine Haut ist so rein. Ein Stoppelbart ziert Mund und Kinn und zwei große, blaue Augen hinter kleinen Glasscheiben, schauen sie freundlich an. Sein Kopf ist voll mit glänzenden, fülligen Haaren. Er hat unsagbar kräftige Arme und einen ungewöhnlichen, dicken Bauch. Miko ist jedoch von seinen hellen Zähnen fasziniert. Sie leuchten beinahe so weiß wie das Gebäude selbst . . . Das muss ein fremdes, vielleicht sogar auch ein höheres Wesen sein, denkt sich Miko ehrfürchtig. Ein Mensch kann niemals so aussehen. Niemals! Und dennoch ist es einer. Mit offenen Mündern starren sie auf diese seltsame Erscheinung, welche nun pausenlos und mit einer tiefen Stimme zu erzählen beginnt. Es sind jedoch Worte, die Miko und Ysa nicht verstehen.
      Hinter diesem faszinierenden Wesen . . . hinter dem Mensch, korrigiert Miko schnell seine Gedanken, erscheint auf einmal ein blauer Ball mit vielen weißen Wolken drauf. Fremde Schriftzeichen erscheinen pausenlos. „Die Sprache der alten Zivilisation“, flüstert Ysa. „Sie ist schwer zu lesen, weil es keine Bildzeichen sind.“

 

 

 

 

 


        Miko kann sich kaum auf ihre Worte konzentrieren, denn all das was auf den Wänden vor ihnen erscheint, läuft so wahnsinnig schnell ab. Der komische Mann sieht auf einmal besorgt aus und er zeigt mit einem Stock auf den Ball.
Plötzlich verschwindet der Mann, zusammen mit dem blauen Ball, urplötzlich. Ein Mann in einem weißen Kittel erscheint stattdessen und deutet auf eine Ansammlung kleiner Kügelchen in einem Haufen. Als ein kleines Kügelchen auf den Kugelhaufen zu rast, trennt sich die bunte Kugelsammlung geschlossen und viele kleine Kügelchen lösen sich davon. Kurz darauf wird es blendend hell. Unzählige Kugelgruppen schwirren durch die Gegend mit kleinen, grellen Feuerstrahlen. Miko versteht nicht was dort alles geschieht, doch kurz darauf kann er auf der Glaswand eine riesige Wolke sehen. Diese Wolke ist nicht minder unheimlich wie die Wolke mit dem sauren Regen draußen jenseits der Dünenwüste. Wie mehrere Hüte stapeln sich die Wolken übereinander, ehe ein langer Stiel und ein großer und sehr mächtiger Wolkenhut sich in den Himmel erhebt. Unter dieser furchterregenden Erscheinung brodelt alles, die Erde erbebt, ein Feuer steigt auf und plötzlich wird es blendend hell. Miko und Ysa kneifen sofort ihre Augen zu.
     Als er sie wieder öffnet, sieht er entsetzt mit an wie alles in der Umgebung dieser Detonation zu Asche zerfällt. Es wird weiß in dieser einst roten Wüstenlandschaft. Kurz darauf erblickt Miko etwas Vertrautes, welches sein Herz schneller schlagen lässt. Er blickt auf ein zerstörtes und verseuchtes Gebiet. Sand wird zu Glas, die Häuser sind nur noch Trümmer und alles ist voll von Staub und einer gefährlichen Luft, welche man nicht atmen darf. Ysa und Miko schauen sich entsetzt an. Doch es geht noch weiter. Sie sehen Gebäude, welche viele zisternenartige Bauten besitzen, aus denen grauer Rauch empor steigt. Miko weiß im Moment nicht was faszinierender ist. Das bedrohliche Gebäude mit den rauchenden Hälsen oder diese üppige Landschaft mit den grünen Berghängen, den Blumen und den Bäumen – alles Dinge, die er noch nie zuvor gesehen hat. Miko schnüffelt und stellt sich beinahe schon deren wundervolle Düfte vor. Friedliche Kreaturen fliegen über das Grün, sowie über das bedrohlich qualmende Gebäude mit den vielen Türmen hinweg. Am Himmel ziehen weiße Wolken entlang und das einzig Unschöne an diesen Aufnahmen sind die finsteren Rauchsäulen.

 

 

 

 

 

 


       Mikos Atem stockt bei all den Eindrücken, die so plötzlich auf ihn einbrechen. Gibt es auf dieser Welt tatsächlich einen Ort der so schön und so lebendig ist, fragt er sich aufgeregt. Mit Blick auf Ysa wird ihm bewusst, dass sie das Gleiche denken muss. Kurz darauf sieht er eine lebendige Stadt mit hohen Häusern, die bei Nacht taghell erleuchtet sind. Alles ist beleuchtet, auch die Wege und unzählige Fahrzeuge, welche Miko bisher nur als ausgebrannte Wracks kannte. Diesmal jedoch fahren sie emsig durch die Gegend. Mikos Mund steht weit offen als er die einstige Behausung von Fynn und Rodi in vielfacher Ausführung durch die Lüfte fliegen sieht.
     In der Stadt ist viel los und es ist laut. So viele Menschen hat Miko noch nie gesehen. Es grenzt beinahe an ein Wunder das sie sich nicht alle über den Haufen rennen, staunt Miko. Doch stattdessen laufen sie in Reih' und Glied ganz brav auf ihren unsichtbaren, jedoch scheinbar vorgefertigten Wegen. Diese Menschen sind gesund und sie essen. Überall wo sie sich gerade befinden essen sie irgend etwas. An nahezu jeder Ecke der Stadt gibt es einen Ort, wo die Menschen Nahrung zu sich nehmen können. Auch Wasser ist in großen Mengen vorhanden. Woher stammt all das ganze Essen, fragt sich Miko fassungslos. Zusammen mit Ysa, die nun Tränen in den Augen hat, sieht er die Antwort: Massen von Tieren werden zusammengepfercht, geschlagen und zum Töten abtransportiert. Hübsche Tiere mit großen Augen, interessantem Fell oder gar Federn werden eng zusammengedrängt und gefüttert, um dann irgendwann getötet zu werden. Die Menschen hingegen lachen vergnügt, trinken und essen viel. Manch einer wirft sogar etwas davon weg!
     Entsetzt starrt Miko auf eine Stadt, in welcher Menschen in Fahrzeuge steigen und durch die Straßen fahren, sich unterhalten oder streiten und sich mit etwas bewerfen. In dieser Masse gibt es große und kleine Menschen, dicke sogar und auch dünne. Ja, sogar Menschen die gebeugt laufen, sich auf rollende Wagen stützen und Falten haben. Sie müssen unvorstellbar alt sein, schlussfolgert Miko. Er wird verbittert, wenn er all das sieht. Überall sind Menschen und sie essen und machen komische Sachen, die Miko nicht versteht. Ysa weint leise.

„Wenn das der perfekte Ort zum Leben ist, will ich ihn gar nicht finden“, schluchzt sie. Miko nimmt ihre Hand und drückt sie ganz sanft.
    Das Bild schwenkt um und zeigt die Stadt von oben. Nach einem gewaltigen Zoom aus dem Bild folgen ebenso große, besiedelte Landstriche mit grünen Einsprenkelungen und dann kommt das Wasser. Soviel Wasser hat Miko noch nie zuvor gesehen! Die Landstriche wirken nun im Vergleich zum Wasser sehr klein. Plötzlich wird alles winzig und dann erscheinen Wolken und kurz darauf kommt der blaue Ball wieder. Auf ihn sind noch immer diese großen, grünen Flächen und das viele Wasser zu erkennen.

   Der stoppelbärtige Mann mit den Gläsern auf der Nase (keine Seltenheit wie Miko eben in dieser schrecklichen Welt gesehen hat) erscheint wieder und er deutet mit seinem Stock auf das Bild einer überladenen Stadt und wenige Augenblicke später wieder auf den Ball, welcher von einem großen, leuchtenden Feuerball erhellt wird. Miko kommt schnell darauf das die Sonne gemeint ist, die er tagtäglich fürchtet. Um den blauen Ball herum flimmert hauchdünn eine Schicht, an welcher die Sonnenstrahlen abprallen, doch an einem Ort hat diese Schicht eine Öffnung und die altbekannten Strahlen der Sonne dringen ungehindert durch und verbrennen den Grund und Boden darunter. Miko kennt dieses Bild aus der Wüste, welche seine alte Stadt umschließt. Ist dort etwa auch so ein Loch am Himmel, fragt sich Miko entsetzt. Kurz darauf sehen sie komisches weißes Zeug im Wasser, dass durch die Sonnenstrahlung schmilzt und zerfließt. Große Tiere mit einem dicken, weißen Fell und schwarzen Knopfaugen finden darauf keinen Halt mehr.

 

 

 

 


      Ein Schild mit einem gelben Blitz erscheint. Ein Zeichen, dass Miko schon oft in der Stadt gesehen hat. Danach sehen sie gigantische Räder, vom Wind angetrieben. Ebensolche drehen sich auch unter Wasser, in diesem kostbaren Nass. Kurz darauf erscheinen schwere Maschinen, die mit einem gewaltigen Lärm schwarze Steine anheben.
     Der Mann blickt wieder besorgt und deutet auf den Weltenball. Auf diesen brechen plötzlich schreckliche Stürme aus, Wasser überschwemmt ganze Landstriche und grüne Wälder trocknen aus. Ein heftiger Krieg um Ressourcen beginnt und Panzer überrollen Städte. Bemannte und unbemannte Flugzeuge schwirren umher, zerbomben alles – auch die Gebäude mit den rauchenden Zisternen. Menschen kommen in gigantischen Explosionen um, einige von ihnen werden einfach so zerfetzt und fortgerissen. Zurück bleibt oft eine karge Landschaft in welcher alles Leben erlischt, welches sich länger dort aufhält. Die grünen Landstriche verdorren, Seen und Flüsse trocknen nun gänzlich aus und das Loch im Himmel wird immer größer. Es wird heißer und an manchen Orten befindet sich nur noch Staub in der Luft. Großflächige Wüsten entstehen und nach und nach verwandelt sich das Bild zu dem, was sie heute kennen und mit einem Blick aus dem Fenster sehen können.
     Fassungslos und Entsetzt starren Miko und Ysa auf die bildgewaltige Glasscheibe an der Wand. Doch der Weltenball wird wieder blau und schön. Dennoch blickt sie der Mann hinter seinen Augengläsern traurig an und sagt etwas, was sie nicht verstehen können. Ganz gleich was es auch ist, aber für Miko klingt es nach einer Warnung. Kurz darauf ist alles wieder still und die vielen Symbole kehren zurück.
    Ysa schweigt betroffen und noch immer hat sie Tränen in den Augen. Die Menschen haben es wohl schon lange vorher gewusst was geschehen wird und sie haben es ignoriert, denkt Miko fassungslos. Alles was sie getan haben hat es nur noch weiter verschlimmert. Die Menschen jedoch lachten nur und gingen ihren täglichen Vergnügungen nach. Das Resultat ist nun eine verbrannte, öde und menschenfeindliche Welt. Miko schaut betroffen zu Ysa, die nun zu Boden sinkt und zu weinen beginnen. „Es gibt keinen Ort mehr, an dem man noch schön leben kann. Diese Welt ist für Menschen unbewohnbar“, wimmert sie.
     Miko hockt sich neben ihr und nimmt sie fest in den Arm. Auch sein Herz ist gebrochen. Eine sehr lange Zeit sitzen sie noch so da, verzweifelt und weinend. Es sind zwei Kinder, die keine Hoffnung auf ein besseres Leben mehr haben.

 

     Als sie später zu Fynn und Rodi zurückkehren, stehen sie einer weiteren entsetzlichen Tatsache gegenüber: Fynn ist gestorben.
Rodi befindet sich in einem Zustand, in welchen keine Geste und keine Worte mehr Trost spenden können. Zum Glück hat Fynn nichts von ihrer schrecklichen Entdeckung erfahren, denkt Miko bitter.

 

 

 

 

 

 


7. Die letzten Menschen

 


     Rodi hat Fynn’s Tod nicht verkraftet. Er hat kein Wort mehr gesprochen, nicht mal als Ysa vorschlug zum Dorf zurückzukehren. Auf dem Rückweg zum Dorf sind sie in der Stadt mit dem Spielplatz angekommen. Dort kletterte Rodi auf ein Betonskelett und stürzte sich in die Tiefe. Er war sofort tot. Sie hätten ihn nicht retten können, weil Miko und Ysa in dem Moment damit beschäftigt waren Proviant für die Rückkehr zu sammeln. Rodi wollte jedoch nicht gerettet werden, da ist sich Miko absolut sicher.
     Er schaut nun ausdruckslos auf seinen Leichnam herab. Seine Wirbelsäule ist durch den Sturz gebrochen und Blut benetzt seine Lippen.
„Jetzt sind sie wieder zusammen, jenseits der funkelnden Lichter“, kommt es leise über Ysa's Lippen. „Dort wird er auch seine Geschwister wiedersehen und alle, die ihn etwas bedeutet haben.“ Ysa hockt sich nieder und schließt ihm vorsichtig die Augen. Seitdem sie zusammen die Wahrheit über diese Welt erfahren haben, hat Ysa nie wieder gelächelt.

 

 

 

 

      Auf dem Rückweg haben sie das Kettenfahrzeug wiedergefunden. Miko weiß nicht wieso er es tat, aber er probierte einfach noch mal die „Fynn- Methode“ aus und schlug kräftig gegen die Armatur. Und wie durch ein Wunder ist das Gefährt wieder angesprungen. Sie sind sehr langsam vorangekommen, so dass Miko um den schwarzen Wasservorrat bangen musste. Doch am nächsten Tag war schon das Dorf in Sichtweite.

 

     Das was sie jetzt vor Augen haben ist jedoch ein entsetzlicher Anblick. Überall sind Fußspuren von großen Echsen. Sie haben die Zelte verwüstet, die Bewohner gefressen und die Zisterne umgeworfen. Alles ist zerstört und das Dorf ist zu einem weiteren verlassenen Ort auf dieser Welt geworden.
„Fynn hat Recht gehabt mit den Riesenechsen. Nun sind sie doch gekommen. Zum Glück ist er nicht durch sie gestorben.“ Ysa’s Miene ist gefroren.
    Die letzte Hoffnung vielleicht noch auf Menschen zu treffen ist Mikos Heimatstadt jenseits des Tals. Miko braucht nicht mehr mühsam zu gestikulieren, weil es nun Ysa ist die ihm wortlos folgt. Er klettert zusammen mit ihr in den Panzer zurück und fährt los. Größflächig umrundet er, geschützt vor den tödlichen Sonnenstrahlen, das Tal der Riesenechsen. Das Vehikel rollt auf dem Kettenzug mühsam durch den brennend heißen Wüstensand, ehe es gänzlich und diesmal für immer zum Stehen kommt. Ganz gleich was Miko und Ysa auch versuchen, aber der Panzer bleibt stumm und dunkel. Somit sind sie gezwungen den ganzen Tag in diesem stickigen und sehr heißen Panzer zu verweilen, wenn sie sich vor der tödlichen Sonne schützen wollen. Währenddessen Miko unter seinem Sitz die verwesten Tierkadaver ertastet, stellt Ysa fest das der Wasservorrat verbraucht ist. Sie versucht noch einige Tropfen Wasser aus den Flaschen heraus zu bekommen, doch ihre Mühen sind vergeblich. Resigniert gibt sie auf.
    „Jenseits der Sterne spielt Wasser keine Rolle“, sagt sie. „Ich will meine Mutter wiedersehen. Und ich will das du sie auch kennenlernst.“
Miko weiß was das bedeutet, weshalb er nun wieder behutsam ihre Hand festhält. Auf dieser Welt ist nichts mehr für ihn von Bedeutung. Einzig Ysa, und mit ihr möchte er überall hin gehen. Wie wohl der Ort jenseits der Sterne aussehen mag? Ob dort auch seine Mutter auf ihn wartet?
     Als es draußen dunkel wird, wagen sie sich aus dem Panzer und verbrennen sich beinahe an dem heißen Metall. Der Weg zurück zur Stadt ist beschwerlich und sehr lang. Nach einer gefühlten Ewigkeit haben sie die ersten Stahlruinen erreicht. Miko kennt sich hier bestens aus, was er jedoch nicht kennt ist diese Stille am Abend. Alles ist verlassen und leer. Einzig die Leichen sind noch da, welche zuvor in der tödlichen Sonne gebraten haben. Unter dem Mondlicht erkennt Miko viele bekannte Gesichter. Neben dem versiegten Wasserhahn sitzt noch immer der junge Mann mit dem fehlenden Arm. Seine Leiche ist verschmort und teilweise lugen die blanken Knochen unter seiner Haut hervor. Sein Blick ist noch immer mit Sehnsucht in die Ferne gerichtet.
     Es ist eine trügerische Sehnsucht, begleitet von Hoffnung die es nicht mehr gibt, denkt Miko bitter. Er sieht seine Heimatstadt nun mit anderen Augen. Dieser Ort ist ihm fremd geworden und er fühlt sich hier nicht wohl.

 

 

 

 

 

    Als es bereits zu Dämmern beginnt, nehmen Miko und Ysa neben der verrosteten Quelle Platz. Die Sonne wird jeden Augenblick aufgehen. Es wird wehtun, doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Miko hält Ysa‘s Hand und ihre Blicke begegnen sich.
    „Wenn wir sterben wird es dann nach uns noch weitere Menschen geben, oder sind wir die letzten Menschen?“ fragt Ysa, währenddessen am Horizont langsam die brennend heiße Sonne empor steigt.

 

 

 

~Ende~

 

 

Avi


Tags:

Kurzgeschichten Endzeit


Bewertung: Keine Wertung

3 Kommentare

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Am 18 Aug um 08:08 zzz79
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Das Ende muß neu überdacht werden. images/smilies/SC07.gif
In der jetzigen Form ist es einfach zu traurig. images/smilies/m-shakehead.gif

Am 19 Aug um 15:13 Avi
Ein trauriges Ende bleibt länger im Gedächtnis images/smilies/m-sorry.gif .... hoffe ich. images/smilies/ugly.gif

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Am 19 Aug um 18:13 zzz79
Avi:
Ein trauriges Ende bleibt länger im Gedächtnis images/smilies/m-sorry.gif .... hoffe ich. images/smilies/ugly.gif

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Ja ich werde es mir merken, trotzdem wäre mir ein "Happy End" lieber images/smilies/m-sad.gif

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